von Büchern und Menschen:
ein Missverständnis.

Sandra Kegel schreibt im Feuilleton der FAZ und im Kontext der Untersuchungsergebnisse des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zur desaströsen Entwicklung im eigenen Markt. Sie findet heraus, dass es Verlegern und Autoren nicht mehr reichen sollte, die Wünsche ihrer Leser zu kennen, um ruhiger schlafen zu können und erkennt, dass das vermutlich darin begründet sein muss, dass es kaum noch Leser gibt. In den Jahren 2013 bis 2017 sind den Büchern alleine in Deutschland fast sechseinhalb Millionen Menschen von der Fahne gegangen, die zuvor regelmäßig lasen. Sie haben kein Buch mehr erworben. Gar keins! Achtzehn Prozent in nur vier Jahren: Alarmstufe ROT! Es folgen Schleifen von Zahlenkolonnen und stereotype Diagnosen zwischen Alterskohorten und dem Aufmerksamkeitsvielfraß "Internetz". Aufgefüttert mit aberwitzigen Umfrageergebnissen, zu deren Entstehung man sich vorab offensichtlich nur wenig Gedanken gemacht hat, sowohl zu den Fragen selbst wie zu den zu Befragenden. Die Aussagen sind so nützlich wie die testae des Heiligen Vaters und so vorwärtstreibend wie eine alte Dampflok im Rückwärtsgang.

Die Feuilletonistin ermittelt eine Chance für das Buch nicht in der digitalen Hinführung, sondern im Abschalten. Das aber klingt mir nach einer sehr subjektiven Diagnose und dem weit verbreiteten Detox-Trend als Allheilmittel für nahezu alle Lebensbereiche. Das ist ihr persönlicher, verständlicher Wunsch, dass weniger doch mehr sein darf. Sie meint, dass das Lesen als befreiend empfunden werden könne, bekäme vor diesem Hintergrund eine ganz neue Bedeutung. Das ist sicher nicht falsch, aber eher ein besinnter Kalenderspruch in Sachen Lebenshilfe, als eine sinnvolle Handlungsempfehlung für einen siechenden Markt.

Letzte Woche besuchte mich die fabelhafte Stefanie Brich hier in der Diaspora in unserem schulzundtebbeLOFT. Sie ist Geschäftsführerin des Börsenverein - Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und wir tauschen uns von Zeit zu Zeit aus über die Entwicklungen in Sachen Buch. Unsere Agentur ist Mitglied weil wir, derzeit unfreiwillig pausierend, Bücher verkauften und künftig auch noch verlegen möchten. Stefanie stellte mir die aktuellen, nationalen Kampagnen vor und mit welchen Vehikeln man glaubt, sich gegen den Strom stellen zu können.

Meine schlichte, hoffentlich zu widerlegende These lautet: so wird das nichts! Denn alle bunten Ideen, das Verhalten der Verlage wie auch das Fazit der Kolumnen in Legion träumen von einer Holschuld der "Menschen", anstatt endlich die Bringschuld wahrhaben zu wollen. Und ich schreibe bewusst "Menschen", denn die "Leser" als solche sollte man nicht mehr selbstverständlich annehmen.

Oh, Überraschung! Auch Leser sind Kunden. Bei ansteigend 70Tsd. Neuerscheinungen pro Jahr und schwindendem Publikum kann man wohl kaum von einem Verkäufermarkt sprechen. Ran an den Speck! Zeigt Euch und das, was ihr habt. Setzt Impulse. Den Floh ins Ohr. Macht Appetit. Und orientiert Euch dabei am gelernten Informationskonsumverhalten Eurer Kunden. Die werden sich für Euch darin nicht ändern.

Der Zahn muss als erstes raus. Das Ende der Hybris.

© 2018, Bruno Schulz (Team schulzundtebbe)

http://www.faz.net/…/boersenverein-untersucht-die-krise-des…

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