DAS BUCH IST TOT -
ES LEBE DAS BUCH!

Wie reanimiere ich eine Armee von Lesezombies und wo sind die erfolgversprechenden Wege aus dem epidemischen Lesersterben? Ein Resumee meiner letzten Woche.

Vor ein paar Tagen erreichte mich die aktuelle Studie des Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., veröffentlicht am 7. Juni 2018. Sie behandelt die aktuellen Entwicklungen und Chancen im deutschen Buchmarkt.

Inzwischen habe ich das Papier sehr aufmerksam gelesen. Mehrfach. Und wir haben es reichlich diskutiert. Mit Buchhändlern, mit Verlagen, mit der fabelhaften Stefanie Brich, die Geschäftsführerin des Börsenverein - Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland ist und mit einer Menge Menschen, die uns im Alltag begegnen. Solchen die lesen und solchen, die eigentlich lesen könnten. Ich wollte schon „lesen sollten“ schreiben, aber vielleicht liegt schon darin ein Stück der Wurzel des Problems. Oder nennen wir es lieber Herausforderung?

Es geht um nicht weniger, als das große Lesersterben! Das Kernthema: in den Jahren 2013 bis 2017 hat der Büchermarkt knapp achtzehn Prozent seiner Kunden verloren. Im Publikumsbuchmarkt einschließlich den Downloads von Hörbüchern und eBooks. Ausgeschlossen sind Schul- und Fachbücher, die das Zahlenspiel nur unnötig verzerren.

Es ist nicht nur so, dass die Leute weniger lesen, sie haben es komplett aufgegeben. Und der saubere Schnitt mit achtzehn Prozent verschleiert noch die katastrophalen Entwicklungen in den einzelnen Alterskohorten. In der Gruppe der 20- bis 29jährigen nahm die Lesewilligkeit um 24% ab, bei den 30- bis 39jährigen um 26% und bei den 40- bis 49jährigen sogar um erdrutschartige 37%. Das ist mehr als alarmierend. Die betriebswirtschaftlichen Endergebnisse sind zwar noch scheinbar erträglich, aber kaum mehr als Kosmetik und vor allem dem erheblichen Engagement der Senioren zu verdanken. Alleine die über 70jährigen haben im beschriebenen Zeitraum in ihrer Altersklasse für 26% Umsatzsteigerung gesorgt.

Woran liegt das? Die Verantwortlichen sind in der Studie schnell gefunden. Es sind die üblichen Verdächtigen: das Smartphone und dieses Internetz, Filme, Videos , Spiele und die sozialen Netzwerke sowieso. Die Quelle ist die aktuelle Online-Studie von ARD und ZDF aus 2017. Man wird immer Zahlen bekommen, wenn man Fragen stellt. Wichtig ist, wem man welche Fragen stellt, warum und was man daraus abzuleiten bereit ist.

Man hat in Frankfurt einen Workshop veranstaltet mit elf Konsumenten und je drei Vertretern aus dem Buchhandel und aus Verlagen. 17 Leute. Aufgefüttert durch 8 Gruppendiskussionen in Frankfurt und Leipzig mit insgesamt etwa 60 Menschen, die des Lesens überdrüssig sind. Die Kriterien der Auswahl erschließen sich mir nicht. Warum Frankfurt, warum Leipzig, Messeumfeld? Warum diese Leute? Wie alt sind die, was ist ihr Hintergrund und so weiter und so fort. Sie alle fühlen sich „unisono von den Verpflichtungen und der Schnelllebigkeit des Alltags gestresst und unter Druck gesetzt.“ Sie leiden unter Reizüberflutung, unter Zeitknappheit, sind „always on“, erleiden durch die sozialen Medien sozialen Erwartungsdruck und erleben alle miteinander eine große Sehnsucht nach Entschleunigung.

Mit Verlaub, diese Erkenntnisse schmecken vorgekaut. Sie sind so albern stereotyp, dass man sich leise in den Schlaf weinen möchte. Da hat wohl jemand die gewünschten Antworten schon in den Fragen angetriggert. Die sozialen Medien sind also hauptverantwortlich für die Lesererruption. So wie für Donald Trump, das Klima, Ebola und den Geruch von Katzenkot? Ich will die Netflix-Serien nicht unterschlagen, die heute angeblich viele Bedürfnisse erfüllen, zu deren Stillung man früher zum Buch griff. Zauberwort: „Binge-Watching“

Zusammengefasst bedeutet das alles, der „Teufelskreis digitale Medien“ führe zu einem schleichenden Rückgang des Bücherlesens. Das hat den wissenschaftlichen Charme der einstigen Annahme, dass man als Fahrgast in Eisenbahnen wohl sterben müsse, sobald diese sich nur schneller fortbewegten als Postkutschen. Man spricht von einem Wertewandel durch die digitale Welt.

Richtig interessant wird es bei den Assoziationen zum Bücherlesen in den bespaßten Gruppen. Hier feiert sich die Branche wohl ein bisschen selbst und pfeift sich durch den dunklen Tann. Die Zielgruppen, die eben noch dem gedruckten Wort für immer abschwören wollten, erkennen nun im Lesen „Entspannung und Runterkommen“, ein „dem Alltag entfliehen“, „Rückzug und Achtsamkeit (ehrlich?)“, ein „in andere Welten abtauchen“ und die Möglichkeit, „den eigenen Horizont zu erweitern“. Das alles sind Phrasen, die man genauso in den letzten fünfzig Jahren hätte abfragen können. Vokabeln aus dem Poesiealbum angehender Buchhändlerinnen aller Epochen, noch kurz vor ihrem Abitur.

Die in den Laienworkshops kreierten Ideen erspare ich uns an dieser Stelle. Sie sind so aberwitzig wie inhaltsleer. Es sind schlichte Verlegenheitsantworten in einem Visionsvakuum.

Und wenn man das Fazit der Studie, die Chancen und Ansatzpunkte auf sich wirken lässt, erlebt man sich in einem dieser denkwürdigen Momente zwischen Selbstoptimierung, Kontemplation und spiritueller Erweckung, die sich gebetstrommelartig um Orientierung drehen, um emotionales Erleben, Zeit für sich. Eine Mischung aus quietschgesunder Geistesnahrung und eskapistischen Entspannungsübungen. Das hat das arme Buch nun wirklich nicht verdient.

Ganz zum Schluss kommen dann doch noch zwei Streiflichter: „Das Buch muss zum Konsumenten kommen“ und „Erlebnisse rund ums Buch und sozialer Austausch“.

Das ist ein Ansatz. Die Menschen brauchen Impulse. Warum sollte das bei Büchern anders sein, als mit allen anderen Konsumgütern? Und da sind die sozialen Medien vielmehr Werkzeug denn Konkurrenz. Nein, es geht nicht um das redaktionelle Abfilmen sich ewig wiederholender, langweilender Aktionen im stationären Buchhandel, die ohnehin nur die Leute kennen, die regelmäßig dort verkehren. Interessiert Lesende also und nicht die, die sich bereits abgewendet haben. Ein ausgesprochener Nichtleser wird kaum jemals mit einer Buchhändlerin in Kontakt kommen, die ihn vielleicht noch zu entflammen wüsste. Das ist zwar schade, aber realistisch.

Man muss die Leute aktiv erreichen und darf nicht darauf hoffen, dass sie bereit sind, mühevoll Informationen über etwas einzusammeln, das sie nach eigener Aussage nicht mehr wirklich interessiert. Das wäre nämlich in etwa so, als würde man in einer abgelegenen Metzgerei darauf warten, dass ein paar Veganer mal eben vorbeischauen, weil sie sich ganz dringend über die Vorzüge und den Geschmack des Fleischsortiments informieren wollten.

Dazu kommt ein, in der Öffentlichkeit verbreitetes Bild der Buchschaffenden wie -beschäftigten, das der Sache nicht eben zuträgt. Thomas Brasch von „brasch&buch“ zitiert die Feuilletonistin Sandra Kegel aus der FAZ.NET - Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Juni 2018: „Das (der Leseverzicht, Anm.) hat Folgen nicht nur für den Buchmarkt. Denn eine Gesellschaft, in der aufs Lesen mehrheitlich verzichtet wird, gibt einen Teil ihrer kulturellen Identität preis und lässt zudem eine gesellschaftliche Zweiteilung Realität werden: in diejenigen, die durch Lesen Kompetenz erwerben, und in jene, die den Tag womöglich am Bildschirm verbringen.“ Da schwingt jede Menge Hochmut mit und mit dieser Wahrnehmung stehe ich offensichtlich nicht alleine da. Denn auch Thomas Brasch meint: „Das ist elitär oder zumindest oberlehrerhaft und überzeugt wie Eltern, die zum Gemüse essen auffordern, weil es gesünder wäre.“ Er ist überzeugt, dass der Großteil an Lektüre genauso Zeitverschwendung sei wie TV. Und der Verdacht liegt nahe bei inflationären siebzigtausend Neuerscheinungen pro Jahr.

Was also ist mein eigenes Fazit? „Make books sexy again!“ Und vor allen Dingen: erzählt den Leuten mehr davon, tauscht Euch aus. Infiziert! Die Kommunikationskanäle dazu sind da. Jetzt müsst Ihr sie nur noch richtig nutzen. Denn warum sollten die Menschen sich mit etwas beschäftigen wollen, von dem sie nie etwas erfahren. Nie war mehr „Dialog“ als jetzt und genau so heisst auch die Chance.

ACHTUNG: wer sich für den in Gründung befindlichen ThinkTank „books are very social media“ interessiert und/oder mehr wissen will, schreibt an info@schulzundtebbe.de mit der Betreffzeile „ThinkTank Buch“.

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