Die Queen und ich.
Die Queen und ich.
Manchmal fällt einem erst zwischen dem ersten und dem zweiten Glas Wein auf, dass man soeben mitten in einer kleinen kulturhistorischen Fußnote sitzt.
Gestern Abend im Meisenheimer Hof. Anlass: „Staatskunst & Sterneküche“. Friedrich-Naumann-Stiftung. Klingt zunächst nach einer dieser Veranstaltungen, bei denen Geschichte auf Kante gebügelt serviert wird, während der Happen bemüht nach Bildung schmeckt. Doch es kam völlig anders.
Schon der Auftakt in einem historischen Kleinod, der behutsam restaurierten, ehemaligen Synagoge von Meisenheim: ein kluger, pointierter Impulsvortrag von Prof. Dr. Josef Matzerath von der Universität Dresden über das „deutsche Küchenwunder“. Also jene erstaunliche Entwicklung seit den 1970er Jahren, als deutsche Küche plötzlich begann, sich selbst ernst zu nehmen – nicht mehr nur als Kalorienlieferant, sondern als kulturelle Ausdrucksform.
Mittendrin: Walter Scheel, der als Bundespräsident Spitzenköche für Staatsbankette engagierte und damit Politik, Repräsentation und Kulinarik ziemlich elegant miteinander verschraubte. Der einzige Übrigens in vergangenen knapp achtzig Jahren.
Legendär darunter natürlich das Bankett für Queen Elizabeth II im Jahr 1978 auf Schloss Augustusburg. Auf der Karte: Größen wie Eckart Witzigmann und Franz Keller.
Und der Franz saß gestern Abend noch mit an meinem Tisch. Kochlegende, Zeitzeuge, angenehm unprätentiös wie immer. Wunderbar unkompliziert. Wenn jemand glaubwürdig erzählen kann, wie deutsche Spitzengastronomie erwachsen wurde, dann er. Beste Grüße an den Falkenhof, lieber Franz. Bis bald. Dazu der Historiker Matzerath und der Gastrosoph Dr. Christian Wirtz. Eine verdammt kurzweilige Runde. Die Zeit vergeht im Flug.
Das Schöne an solchen Abenden: Die Theorie bleibt nicht Theorie.
Denn im Meisenheimer Hof wurde sehr überzeugend demonstriert, dass Geschichte auch auf dem Teller stattfinden und vor allem funktionieren kann.
Das Menü von meinem, irgendwas zwischen Freund, Partner und Kunden, dem wie immer top aufgelegten Sternekoch Markus Pape und seinem großartigen Team – präzise, elegant, ohne jede alberne Verrenkung:
Salat von Flusskrebsen mit grünem Spargel. Essenz von der Ente mit Entenleber, Perigord-Trüffel und Nussbutterschaum. Steinbutt mit Brunnenkresse, konfierten Schalotten und Senfkaviar. Bœuf vom Glantalrind mit Frühlingsgemüse und Burgunderjus.
Und zum Finale: Millefeuille von Madagaskar-Vanille mit Rhabarbersorbet.
Begleitet wurde das Ganze von hervorragenden Weinen des Weingut Disibodenberg, für das ich mich auch im Alltag engagiere, die sehr eindrucksvoll daran erinnerten, dass auch bei uns an der Nahe schon lange Weltklasse wächst – vom Riesling bis zur Trockenbeerenauslese. Vorgestellt von Sommelier Andreas Held, der stets unvergleichlich charmant und unterhaltsam komplexe önologische Zusammenhänge aufzulösen versteht. Extrem kurzweilig. Danke Andreas, das war große klasse!
Kurz verdichtet: ein Abend, der zeigte, dass Kulinarik mehr sein kann als gutes Essen. Sie ist auch Geschichte, Kulturpolitik, Handwerk und und wenn alles wie hier zusammenpasst, schlicht ein großes Vergnügen.
Und manchmal sitzt man dann plötzlich zwischen Kochlegenden, Historikern und Gastrosophen, nippt am Glas und denkt: So ungefähr kann man auch heute noch tatsächlich ganz ordentlich „wie die Queen in Deutschland“ dinieren.
Danke an alle Beteiligten.