Na dann Prost!

Na dann Prost!

Wir leben in einem Zeitalter postfaktischer Befindlichkeitskultur.

Man darf das alles mal ganz langsam einsickern lassen: da deklariert also die Weltgesundheitsorganisation, die gestern noch die J-Kurve kannte, heute plötzlich schon den ersten Tropfen Wein maximal zelltoxisch als verbindlichen Vorhof zur Krebshölle. Und irgendwo im Hintergrund regt sich beharrlich leise kichernd eine Bewegung, die seit dem 19. Jahrhundert nichts anderes tut, als gottberufene Sitteninstanz allen Alkohol systematisch zu verteufeln.

Movendi also. Was modisch spirituell daherklingt wie ein Yogakurs mit Ersatzkassenförderung, ist im Kern nichts anderes als die modernisierte Guttempler-Tradition, trendig aufgebrezelt für die Gegenwart, anschlussfähig für alle harmoniesüchtigen Gremien und jede konsenshistrinische Politik, anschlussfähig für genau jene Form von Wissenschaft, die sich gern als neutral verkleidet, während sie längst eine Schablonenhaltung vor sich herträgt wie eine akademische Monstranz.

Und plötzlich sind sie da: viele Studien, neue Studien und immer neue Studien. Alle mit der gleichen Pointe: Es gibt keinen sicheren Konsum. Null ist das neue Vernünftig. Ein glatter Satz. Ohne jeden Widerstand. Ein Zäpfchen. Der Deutsche liebt Zäpfchen.

Was dabei auffällt, ist nicht die Botschaft. Natürlich ist Alkohol kein Salat. Überraschung! Was auffällt, ist die apodiktische Verengung. Diese merkwürdige Lust am Totalen. Kein Kontext, kein Trinkmuster, keine Kultur, kein Tisch, keine Menschen. Nur noch Ethanol in Reinform und ein Diagramm, das so tut, als wäre es der Schlüssel zur ganzheitlichen Weltenformel.
Wein wird dabei behandelt wie ein chemischer Zwischenfall. Ein Bhopal 2.0. Als hätte er nie in Landschaften stattgefunden, nie in Gesprächen, nie in diesen merkwürdigen Zwischenräumen, in denen Menschen plötzlich ein bisschen weniger stumpf sind als sonst.

Polyphenole? Ach ja, gibt es auch. Mediterrane Lebensweise? War mal. Sozialer Zusammenhang? Stört nur beim Rechnen.
Und irgendwo zwischen all diesen sauber modellierten Risiken steht also ein Verdacht im Raum, halb ausgesprochen, halb weggelächelt: dass die wissenschaftliche Bühne nicht ganz so frei ist, wie sie sich gibt. Dass dort Netzwerke wirken. Finanzierungen. Weltbilder. Eine sehr alte Idee, neu verpackt: Abstinenz nicht als persönliche Entscheidung, sondern als gesellschaftliches Ideal.

Der Trick ist elegant. Man moralisiert nicht mehr. Man quantifiziert. Und wer gegen Zahlen argumentiert, wirkt sofort wie jemand, der Fakten „relativiert“. Ein schönes Totschlaginstrument. Leise, effizient, reputationsschonend.
Gleichzeitig sinkt der Weinkonsum, die Jugend entdeckt „Sober Curiosity“, Medikamente dämpfen das Verlangen, und alle nicken ein bisschen zu schnell, weil es sich so vernünftig anfühlt. Vernunft hat ja inzwischen denselben sozialen Druck wie früher das Rauchen auf dem Schulhof.

Was dabei verloren geht, ist nicht der Alkohol. Der kommt und geht. Was verloren geht, ist die Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten. Zwischen Missbrauch und Maß. Zwischen Exzess und Ritual. Zwischen Schnaps und Kultur. Wein ist mehr als Alkohol, sagen sie. Und es klingt fast schon defensiv. Als müsste er sich entschuldigen, dass er existiert.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Erfolg dieser Lobbyarbeit. Nicht das Verbot. Nicht einmal die Empfehlung.
Sondern das leise, stetige Verschieben der Deutungshoheit.
Bis wir irgendwann beim Glas sitzen und uns fragen, ob wir uns gerade vergiften oder einfach nur leben.

Sehr zum Wohl!

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Und der Amtsschimmel wiehert wieder: