“Wir hatten keine Ahnung, was wir da tun.”
Dennis schreibt:
Ich habe studiert. Ja, das soll es noch geben. Einfach nur ein paar Leute, ein Hörsaal und die leise Hoffnung, irgendwann zu verstehen, wie die Welt funktioniert.
Und wie das so ist, wenn man studiert: Man sitzt abends zusammen. Normalerweise mit Bier. Viel Bier. Zu viel Bier. Irgendwann kam dann diese Idee auf, die sich in dem Moment sehr erwachsen anfühlte:
„Lass uns doch mal Wein trinken.“ Ein Satz, der harmlos klingt.
In Wahrheit war es der Beginn einer kleinen Bildungsreise. Oder eher eine Bergbesteigung am Rande des Abgrunds.
Also standen wir vor dem Weinregal. Alle in einer Reihe. Jeder hatte eine Flasche in der Hand. Die sieht cool aus. Der Name klingt edel.
Und plötzlich war da dieses Gefühl, das man sonst nur aus Prüfungen kennt:
Wir sind komplett unvorbereitet und ahnungslos.
Rot, Weiß, Rosé. Trocken, halbtrocken, feinherb. Riesling, Merlot, Tempranillo, Burgunder. Und die erste ernst gemeinte Frage im Raum von einem Kumpel:
Wie kann ein Getränk trocken sein, das flüssig ist?
Das sind keine dummen Fragen. Das sind ehrliche Fragen von Menschen, die nie Zugang hatten.
Wein war für uns bis dahin kein Thema. Wein war ein Ereignis. Ein seltenes. Einmal im Jahr, Weihnachten, ein Glas zum Essen.
„Ja, schmeckt.“ Oder: „Nee, nicht so.“ Das war die gesamte Expertise. Mehr gab es nicht. Mehr brauchte es auch nie.
Bis zum nächsten Jahr, wenn dieselbe Flasche wieder auf dem Tisch stand und alle so taten, als wäre das Tradition und nicht einfach Bequemlichkeit. Und irgendwo im Hintergrund existierten diese ominösen Weinflaschen in den Haushalten unserer Eltern oder Großeltern. Flaschen, die seit Jahren unangetastet in irgendeiner Vorratskammer standen.
„Der ist besonders.“ Ein Satz, der vor allem eines bedeutete:
Den trinken wir nie. Wein wurde konserviert wie eine Idee, die man sich nicht traut zu überprüfen. Wahrscheinlich aus der gleichen Ahnungslosigkeit unserer Eltern und Großeltern, wie wir vor diesem Weinregal.
Zurück zu uns.
Studium. Realität. Der große Selbstversuch. Wir entschieden uns für einen Tempranillo. Warum? Weil es wichtig klang. Und das Etikett hochwertig und schick aussah. Weil es nach Wein klang. Weil es nach Ahnung aussah. Rot. Spanien. Passt.
Zuhause angekommen dann die erste echte Konfrontation mit der Praxis: Wie öffnet man diese Flasche? Korken. Kein Korkenzieher da.
Sowas hat man nie selbst gebraucht.
Dieses Werkzeug, das man nur aus Kindheitserinnerungen kennt.
Wenn am Tisch plötzlich Ruhe einkehrt, weil das Familienoberhaupt beginnt, eine Flasche Wein zu öffnen, als würde gleich etwas Bedeutendes passieren. Ein kleines Ritual. Ein bisschen Theater. Ein bisschen Ehrfurcht. Diese Szene ging gefühlt eine Ewigkeit bis die Flasche mit einem lauten Plop aufging und alle sich plötzlich freuten, oder erleichtert waren, dass diese Szene endlich vorbei war.
Als Kind dachte man: Das gehört so.
Heute merkt man: Das ist einfach nur ein weiteres Hindernis.
Ich komme aus Leipzig.
Weinanbaugebiet ist da ungefähr so präsent wie Meeresrauschen.
Man wächst nicht mit Wein auf. Man wächst maximal mit der Idee von Wein auf.
Wieder zum Studium. Werkzeug besorgen. Und dann steht man im Laden und liest: „Kellner-Besteck“. Warum heißt ein Korkenzieher plötzlich wie ein Beruf? Warum dieses Vokabular, das mehr Eindruck macht als Sinn? Es sind diese kleinen Dinge, die sich summieren. Die einem leise sagen: Du bist hier nicht die Zielgruppe.
Trotzdem: Flasche auf. Einschenken. Probieren.
Alle nicken. Alle sagen: gut. Fast alle. Die, die es nicht gut fanden, sagen nichts. Weil der Wein teuer war. 13€ die Flasche. Wir hatten zusammengelegt. Und "teuer" bedeutet in diesem System: Das muss gut sein. Also trinkt man weiter. Zustimmend. Anpassend. Leise überfordert.
Und geschmacklich? Rauschen im Mund. Irgendwas. Ein bisschen pelzig auf der Zunge. Alkohol, den man eindeutig identifizieren kann. Der Rest bleibt diffus. Interpretationssache.
Und dann steht man da und denkt sich:
Das ist es jetzt? Dafür dieser ganze Aufwand?
Dafür gibt es eine Milliardenbranche? Sommeliers, Weingüter, Winzer, Weinköniginnen. Ein ganzes System rund um ein Produkt, das sich uns in diesem Moment überhaupt nicht erschließt.
Nicht, weil wir zu dumm sind. Sondern weil uns nie jemand abgeholt hat.
Unsere Eltern haben es uns nicht erklärt. Sie hatten selbst keine Ahnung. Sie haben es uns vorgespielt. Mit derselben Unsicherheit, nur besser kaschiert. Wein war nie etwas, das wir lernen durften.
Wein war etwas, das man entweder versteht oder eben nicht.
Und genau da liegt das eigentliche Problem. Wein ist kein elitäres Geheimnis. Aber wir behandeln ihn genau so. Und dann wundert man sich, warum eine ganze Generation davor steht wie vor einem verschlossenen System und einfach wieder zum Bier greift, oder ganz auf den Alkohol verzichtet.
Heute weiß ich: Das Problem war nie der Wein. Es war der Zugang.
Erst durch echte Praxis und durch Bruno Schulz habe ich verstanden, worum es wirklich geht: nicht um Begriffe, nicht um Show, sondern um Geschmack, Handwerk und Verständnis.
Wein ist kein Rätsel. Hört auf mit den Hürden.
Das muss sich ändern, sonst verliert ihr die jüngeren Generationen komplett.