Hallo Naturwein
Naturwein hat dieses Talent, den Raum zu betreten, als wäre er schon da gewesen, bevor wir überhaupt wussten, dass wir durstig sind. Er kommt nicht herein, er erscheint. Trüb vielleicht, manchmal mit dieser leichten Stallnote der Selbstgewissheit, als hätte er sich im Vorfeld lange überlegt, ob er uns überhaupt gefallen will.
Spoiler: will er nicht. Und genau das macht ihn attraktiv.
Man kann ihn mögen, ohne ihm zu glauben. Man sollte es sogar. Denn Naturwein ist kein Heilsversprechen, sondern eher ein Charaktertest. Wer ihn trinkt, trinkt immer auch eine Haltung mit, ob er will oder nicht. Das Glas wird zur kleinen Bühne, auf der Begriffe wie Handwerk, Authentizität und „ehrlich“ ihre Monologe halten. Nicht immer gut geschrieben. Aber engagiert.
Ich mag Naturwein dort am liebsten, wo er aufhört, sich zu erklären. Wo er einfach schmeckt, statt zu erzählen, wie sehr er unter konventionellen Zwängen gelitten hat. Wenn er nicht jedes Gärgeräusch als Widerstandsgeste ausstellt, sondern still akzeptiert, dass auch Fehler keine Argumente sind, sondern nur Fehler. Charmant manchmal. Nervig auch. Wie Menschen eben.
Denn was Naturwein oft vergisst: Dass Nichtgefallen kein Verrat ist. Dass Skepsis kein Angriff ist. Dass man ihn trinken darf, ohne gleich in die Knie zu gehen. Dieses ständige Mitmeinen, Mitschwingen, Miterlöstwerdenwollen – anstrengend. Wein darf größer sein als sein Diskurs. Leichter auch.
Und trotzdem. Man schenkt sich ein, riecht, zögert, nippt. Da ist etwas Unfertiges, Lebendiges, manchmal Großartiges. Etwas, das sich nicht anbiedert und genau deshalb bleibt. Kein Star, dem man Poster ins Zimmer hängt. Eher ein Bekannter, den man gern trifft, obwohl – oder weil – man sich regelmäßig an ihm reibt.
Also?
Hallo Naturwein. Setz dich zu uns. Erzähl nicht zu viel. Wir kommen schon klar.